Anna Purna Trek Schnee

Annapurna Trek in Nepal: Reisebericht Teil II

Die zweite Passage des Annapurna Trek sollte uns physisch und mental noch mehr herausfordern als die ersten Tage. Der wenige Sauerstoff, neue Blasen und der eisige Wind rund um den Pass brachten uns an unsere Grenzen. Wie gut, dass wir einige Freunde gefunden hatten, denn geteiltes „Leid“ ist halbes „Leid“.

Wer den Anfang des Abenteuers Annapurna Trek noch nicht kennt, kann sich hier umschauen: Annapurna Trek in Nepal: Reisebericht Teil 1
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Tag 7 bis 9 – Atemlos durch den Tag

Völlig überraschend haben wir uns erst an Tag sieben Blasen gelaufen. Zum Glück legt man auf der Höhe von ca. 3500m eh einen Ruhetag ein, um sich an die Höhe zu gewöhnen und fleißig rote Blutkörperchen zu produzieren. Da wir aufgrund der schmerzenden Füße nicht der allgemeinen Trekkerweißheit „walk high, sleep low“ folgen konnten, haben wir uns an „don’t walk, sleep long“ gehalten.

Am 8 Tag also ab 3500m bemerkten wir die ersten Probleme mit der Höhenluft. Wir mussten viele Pausen machen, da wir immer kurzatmiger wurden. Auch spürte man die Kilos auf seinem Rücken wieder deutlicher. Um nicht Höhenkrank zu werden, durften wir jede Nacht nur ca. 500 m höher schlafen als die Nacht zuvor (genaueres in unserem Post mit allen Infos rund um die Höhenkrankheit).

Dadurch wurden die Distanzen zwischen den Übernachtungen kürzer, diese zu überwinden war aufgrund der Höhe nicht weniger anstrengend. Der „Wettkampf“ zwischen den Trekkern bestand nun darin möglichst früh an der Lodge zu sein, um noch eine warme Dusche zu bekommen. Immer häufiger verloren wir diesen Wettkampf und mussten uns mit einem Eimer lauwarmen Wassers zufrieden geben. Bei einer Lufttemperatur von 5°C auch kein Vergnügen. Ab 4.000m wurde gar nicht mehr geduscht: die fettigen Haare konnte man wunderbar unter der Mütze verstecken, die man eh Tag und Nacht trug. Wir waren sehr froh so dicke Schlafsäcke geschleppt zu haben, da es jetzt nachts auch in den Zimmern empfindlich kalt war. Die von uns mitgebrachte Wärmflasche erntete stets neidische Blicke. Am 9. Tag kamen wir in Thorong Phedi (4.500m) an. Von dort aus sollte es am nächsten Tag über den Pass gehen. Es lag eine positiv nervöse Stimmung in der Luft: würden die Kräfte reichen? Was passiert mit meinem Körper auf dem Weg zum Pass? Wird einer von uns vielleicht höhenkrank? Würden wir uns notfalls von unserer Gruppe trennen?

 

 

Tag 10 bis 13 – Die Überquerung des Thorung La Passes und die Katastrophe

Was für ein genialer Plan: Elena überquert den Pass an ihrem Geburtstag. Als um 4:30 Uhr der Wecker klingelte, dachten wir kurz darüber nach einfach liegen zu bleiben und den Geburtstag ganz entspannt in Thorong Phedi zu feiern. Wie gut es ist geniale Pläne auch in die Tat umzusetzen zeigte sich erst tags darauf. So machten wir uns also dick eingemummelt mit Kopflampen bestückt auf den Weg nach oben. Zunächst 500 Höhenmeter bis zum High Camp. Dort wurden alle eingefrorenen Köperteile mit Hilfe von Masala Tee wieder aufgetaut. Die nächsten 500 Höhenmeter konnten dann nur noch im Schneckentempo zurückgelegt werden: 5 Schritte, durchatmen, Pause… 5 Schritte, durchatmen, Pause usw. Man konnte atmen wie wild, es kam gefühlt gar kein Sauerstoff in der Lunge an; jede Bewegung war unsagbar anstrengend. Immer wieder kamen wir an Felsvorsprüngen vorbei hinter denen wir den Pass vermuteten, nur um dahinter eine noch steilere Passage vorzufinden. Mit den Kräften nahm auch die Laune ab – just in diesem Moment sahen wir in der Ferne einen Haufen der bunten nepalesischen Fahnen und das lang ersehnte Schild, welches den Pass auswies, endlich!

Wir hatten es ohne Höhenkrankheit auf 5.416m geschafft. Super erleichtert tranken wir einen Tee und machten die obligatorischen Fotos. Froh darüber endlich nicht mehr bergauf kriechen zu müssen, machten wir uns beschwingt an den Abstieg. Doch nach etwa einer Stunde brannten die Knie und alle Blasen meldeten sich zurück. Doch es half ja nichts. An dem Tag mussten wir weitere 1.800 Höhenmeter bis nach Muktinath zurücklegen… „schöner“ Geburtstag. Die Genialität des Plans wurde nun eindeutig verneint. Doch nach 10 Stunden war es endlich so weit: nach einer lauwarmen Dusche und einem Bier fielen wir um 20h erschöpft ins Bett.

 

 

Am nächsten Morgen blickten wir aus dem Fenster und konnten es kaum glauben: es schneite wie verrückt. Damit hatten wir zu dieser Jahreszeit überhaupt nicht gerechnet. Wir beschlossen den Tag mit den anderen in Muktinath zu bleiben. Beim Frühstück machten wir noch Scherze darüber, wie abartig es wohl gerade auf dem Pass sein müsste. Wir alle glaubten fest daran, dass bei dem Wetter kein Mensch im High Camp aufbrechen würde. Um 14h wurden wir eines besseren belehrt. Vor uns stand eine sehr durchgefrorene Italienerin mit ihrem Guide. Sie erzählte uns, dass alle Guides beschlossen hatten, dass die Überquerung des Passes auch bei Schnee kein Problem sei. Als sie dann berichtete, dass gut 90cm Schnee gefallen seien (bei Verwehungen versank man vollständig darin) und wie sehr der eisige Wind den Trekkern zusetzte, beschlich uns ein ungutes Gefühl. Es kamen mehr und mehr Touristen an, die furchtbare Geschichten von Stürzen, Knochenbrüchen und Panik in dem Schneesturm berichteten. Die Italienerin begann plötzlich zu schluchzen, da ihr Porter immer noch nicht da sei. Sie fühlte sich natürlich für ihn verantwortlich. Als dieser nach einer weiteren Stunde zwischen Hoffen und Bangem kurz vor Einbruch der Dunkelheit völlig durchgefroren vor uns stand, war die Erleichterung groß. Seine Klamotten waren bis auf die Haut nass. Er hatte weder eine Mütze noch Handschuhe getragen. Auch seine dünnen Sneaker konnten die Füße kaum warm gehalten haben. (Zu der unmenschlichen Behandlung und Ausbeutung der Porter folgt noch ein Post) Wir zogen ihm die nasse Kleidung aus und unsere trockene an. Mit Hilfe der Wärmflasche versuchten wir ihn langsam aufzutauen – unter die Dusche konnten wir ihn nicht stellen, er hätte wohl einen Schock bekommen. Erst nach drei Stunden wich das Zittern den ersten kontrollierten Bewegungen und er sprach zum ersten Mal. Es war inzwischen stockdunkel und bis in die späte Nacht kamen Touristen, Guides und Portern in unserem Guesthouse an – teilweise in völlig geistesabwesend und verwirrt. kamen kleine Gruppen von Portern oder Touristen an Immer häufiger traf man auf verzweifelte Menschen, die noch jemanden vermissten…


Am nächsten Tag war wieder strahlender Sonnenschein. Wir ließen uns schnell bei der Polizei registrieren, damit nicht auch wir als vermisst gelten würden. Auf dem Weg nach Jomsom flogen immer wieder Rettungshubschrauber über unsere Köpfe hinweg. Wir ahnten, dass dieser Sturm Menschenleben gekostet haben würde. In Jomsom wurden unsere Befürchtungen zur traurigen Gewissheit. 18 Leichen wurden bereits gefunden, dutzende weitere Menschen wurden weiterhin vermisst. Der Schock saß bei uns allen tief, viele Fragen schwirrten uns im Kopf herum: Was wäre gewesen wenn…? Wären wir auch bei Schnee losgelaufen? Möglicherweise waren wir einigen Opfern zuvor auf dem Annapurna Trek begegnet. Als wir völlig aufgewühlt durch die Straßen von Jomsom liefen, begegneten wir einem Guide, mit dem wir uns in Tal einen ganzen Abend angeregt unterhalten hatten. Er brauchte 21h über den Pass – 7h davon ohne Schuhe (er war im Schnee stecken geblieben und hatte sie bei seiner Rettungsaktion verloren). Seine Füße waren in dicke Verbände eingewickelt, die Hände von den Erfrierungen sichtbar gezeichnet. Während der Unterhaltung begann er zu weinen und wir nahmen ihn in den Arm. An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken… Wir diskutierten noch Tage später immer wieder darüber, was die Ursachen für dieses Unglück waren:

  • Der Sturm war für die Jahreszeit höchst ungewöähnlich.
  • Die Guides haben die Gefahr trotz langjähriger Erfahrung unterschätzt und sind alle gemeinsam losgelaufen.
  • Die Tourismusindustrie, insbesondere die Trekking Agenturen setzen ihre Guides und Porter enorm unter Druck, um ja alle Zeitpläne einzuhalten.
  • Schon mittags zeichnete sich das Unglück ab. Die Regierung / das Militär hätte unmittelbar Suchtrupps losschicken müssen, die Ressourcen liegen in Jomsom.
  • Viele einheimische Porter und Guides laufen den Annapurna Trekk ohne bzw. mit völlig mangelhafter Ausrüstung (diese sollten sie eigentlich von den Agenturen gestellt bekommen!)
  • Die Kennzeichnung des Passes beschränkt sich auf dünne Metallstangen, die in viel zu weiten Abständen stehen und den Weg schon bei klarer Sicht nicht besonders eindeutig kennzeichnen.
  • Es existiert keine Telefonverbindung auf dem gesamten oberen Streckenabschnitt und somit keine Möglichkeit Notrufe abzusetzen.

Weitere Informationen findet ihr in diesem Spiegel Online Bericht: Tödlicher Schneesturm an Annapurna

Das Abenteuer Annapurna Trek endete für uns am nächsten Tag im Flieger nach Pokhara.

Die wunderschönen Erlebnisse und dieses schreckliche Unglück werden uns für immer in deutlicher Erinnerung bleiben… Um diese Eindrücke zu verarbeiten ruhten wir uns noch ein paar Tage in Pokhara aus:



'Annapurna Trek in Nepal: Reisebericht Teil II' have 3 comments

  1. 26/10/2014 @ 2:21 Ausz(w)eit / Trekking in Nepal: Guide, Porter oder doch auf eigene Faust? - Ausz(w)eit

    […] Annapurna Trek in Nepal: Reisebericht Teil II […]

    Reply

  2. 02/12/2014 @ 9:47 Raju

    I like your page Alex and elna. pictures are very nice.

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