Vipassana Meditation Glueck im Kopf

Vipassana Meditation: Wer, wie, was, warum?

Schon vor unserer großen Reise habe ich mich mit verschiedenen Meditationstechniken befasst uns einiges ausprobiert. Der Vipassana Ansatz hat mich letztendlich überzeugt – hier erfährst du warum.

Vorab muss ich anmerken, dass selbst die ausführliche Beantwortung der hier aufgegriffenen Fragen nur die Spitze des Eisbergs sein kann. Die Thematik Vipassana Meditation ist für jedermann ohne weiteres nachvollziehbar, allerdings ist das Thema sehr umfangreich und kann nicht in einem einzelnen Post umfassend dargestellt werden.

 

1. Was ist unter der Vipassana Meditation zu verstehen?

Vipassana (Sanskrit “Einsicht”, daher Einsichtsmeditation bzw. Achtsamkeitsmeditation) ist eine ca. 2.500 Jahre alte Meditationspraxis bei der sich der Praktizierende allein auf seine groben und feinen körperlichen Empfindungen konzentriert, ohne auf religiöse Riten, Konfessionen oder übernatürliches zurückzugreifen. Grundlagen der Technik sind naturwissenschaftliche Belegbarkeit und Erfahrbarkeit aller universellen Regeln (bspw. das Gesetz der Unbeständigkeit allen Seins, “anicca”) am eigenen Körper.

 

2. Was ist das Ziel der Vipassana Meditation?

Die Praxis der Vipassana Meditation soll den Menschen dabei helfen in allen Lebenslagen eine gesunde und stabile Geisteshaltung zu wahren und ein glückliches, zufriedenes Leben zu führen. Unabdingbar für die Erfahrung dieses dauerhaften Glücks ist ein gereinigter Geist. Um den Geist zu reinigen bedarf es der Befolgung einfacher moralischer Gebote (siehe Punkt 5.) und einer regelmäßigen Meditationspraxis. Die Meditation führt schon nach wenigen Tagen dazu, dass die Gedanken im Kopf zur Ruhe kommen und man ein neues Level von Konzentration erfährt, was einem wiederum ein enormes inneres Gleichgewicht und Wohlbefinden beschert.

 

3. Wie funktioniert Vipassana Technik in groben Zügen?

In den ersten Tagen des Kurses konzentriert man sich allein auf den Atem, um eine hohe Konzentrationsfähigkeit zu entwickeln. Ab dem vierten Tag wird man in die eigentliche Vipassana Meditationstechnik eingeführt. Man fokussiert die Wahrnehmung nacheinander auf sämtliche Körperteile, beginnend mit Schädeldecke, Außenseiten des Kopfes, Stirn, Augenbrauen usw. bis hin zum kleinen Zeh. Während dieses sog. “Bodyscans” bzw. “ Bodysweepings“ hat man diverse Sinneseindrücke auf oder in dem jeweiligen Körperteil (z.B. Jucken der Haut, Brennen, Kribbeln, Schmerz uvm.), die sog. “Sensations”. Anfangs schwirren die Gedanken ständig umher und man hat viele teils angenehme, teils unangenehme Empfindungen. All diesen Empfindungen soll objektiv begegnet werden. Um diesen Gleichmut (Objektivität) entwickeln zu können, ist das Verständnis von der Vergänglichkeit allen Seins (Sanskrit “Anicca”) unabdingbar: Jede Sensation entsteht und vergeht, genauso wie jedes Leben, jede Körperzelle, jeder Gedanke entsteht und vergeht. Ich sitze seit 1h im Schneidersitz, der Rücken brennt höllisch. Ich lösche den Schmerz nicht durch eine Ausweichbewegung, sondern durch Gleichmut: ich beobachte den Schmerz, wie er wandert, sich verändert, intensiver wird und später erlischt. Genauso fühle ich eine angenehme Vibration, die meinen Körper nach und nach erfasst – ich genieße, bin mir aber darüber im Klaren, dass auch dieses Gefühl vergehen wird.

 

4. Was bringt mir diese Technik im meinem alltäglichen Leben?

Diese auf den Körper bezogene Technik (Bodyscan bzw. Bodysweep) soll den Vipassana Meditierenden eine Lebenshilfe sein. Jede Sinneswahrnehmung löst im Körper bestimmte Sensations aus. Mein Chef konfrontiert mich mit einem Fehler, die Situation ist mir unangenehm, meine Hände beginnen zu schwitzen, mein Puls geht hoch, heisse Luft steigt in mir auf. Die innere Wut über meine eigene Dummheit lasse ich abends an meinem Partner aus und es kommt zu einem Streit. Ein langjähriger Vipassana Meditierender (oder ein Naturtalent) hätte seine Aufmerksamkeit auch beim Gespräch mit dem Chef auf den Körper gerichtet und die Sensations objektiv wahrgenommen, ohne Wut aufzubauen. Schließlich ist ihm bewusst, dass auch diese unangenehmen Gefühle vergänglich sind und bald schon neue entstehen. Denn schon morgen kann man bei einem neuen Projekt wieder beruflich glänzen… Soviel zur Theorie. Die Praxis ist dann nicht ganz so einfach zu leben *smile.

Diese gleichmütige Geisteshaltung soll dabei helfen, mit allen Ups and Downs des Lebens besser zurechtzukommen, sei es beim Verlust eines geliebten Menschen, der Einstellung zum eigenen Tod, beim Durchleben großer Erfolge oder auch Misserfolge, im Umgang mit chronischen Krankheiten oder im zwischenmenschlichen Bereich.

 

5. Wo wird Vipassana gelehrt?

Die Technik der Vipassana Meditation geht auf die Achtsamkeitsreden des Buddha im Pali-Kanon zurück und ist somit in Indien beheimatet. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Technik zwar weitergegeben, jedoch mehr und mehr von anderen Meditationstechniken oder anderen religiösen Riten beeinflusst, wodurch sie an Wirksamkeit verlor, was ein Zurückgehen der Anhängerschaft bewirkte. Bis zum 18. Jahrhundert lebte Vipassana nur noch in wenigen Lehrern von Myanmars (früher Burmas) fort, bis es vom Königshaus unterstützt und stark in der Bevölkerung verbreitet wurde. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hat die Technik ihren Weg in andere Länder gefunden und ist v.a. in Thailand (hier habe ich meinen Kurs absolviert) und Sri Lanka sehr präsent. Ab den 60’er Jahren spielte Vipassana auch in den westlichen Ländern eine stetig wachsende Rolle. Mittlerweile findet man in nahezu jedem europäischen Land und auch in den USA zahlreiche Zentren. In Deutschland gibt es mind. zwei Vipassana Zentren.

 

6. Was kostet ein Vipassana Kurs?

Die Kurse sind kostenlos und werden durch Spenden ehemaliger Vipassana Meditierender und Freiwilligenarbeit auf die Beine gestellt. Dahinter steht der Gedanke, dass die Praxis des “Dana” (Sanskrit; Gabe ohne die Erwartung einer Gegenleistung) zur Überwindung von Habgier und Egoismus führt. Wenn man “auf Kosten anderer” lebt, entwickelt man keinerlei Anspruchsdenken (ich habe dafür bezahlt, also möchte ich mehr Essen, bessere Betten usw.), was einem bei der Meditation sehr hilft. Während des Kurses führt man das Leben eins Mönchs auf Zeit.

 

7. Welche Regeln gelten während eines Vipassana Meditationskurses und warum?

Während eines Kurses unterwirft man sich bestimmten Regeln. Deren Befolgung hilft dabei, den Geist und die Gedanken zur Ruhe zu bringen, was Voraussetzung für den Bodyscan ist.

Ein Vipassana Schüler verpflichtet sich dazu, während des Kurses:

* kein lebendes Geschöpf zu töten;
* nicht zu stehlen;
* keine sexuellen Handlungen vorzunehmen;
* nicht zu lügen;
* keine berauschenden Mittel (einschl. Tabak und Alkohol) zu konsumieren

Von erfahrenen Schülern wird erwartet, dass sie drei weitere Regeln beachten:

* Keine Nahrung nach 12 Uhr mittags zu konsumieren
* auf sinnliche Vergnügungen (etwa lesen) und Körperschmückungen zu verzichten;
* nicht in luxuriösen Betten zu schlafen.

 

8. Wie läuft ein Tag während des Vipassana Kurses ab?

04:00 Gong – Aufstehen
04:30-06:30 Meditation (Halle oder eigenes Zimmer)
06:30-08:00 Frühstück
08:00-09:00 GRUPPENMEDITATION (Halle)
09:00-11:00 Meditation (Halle oder eigenes Zimmer)
11:00-12:00 Mittagessen
12:00-13:00 Ruhepause, ggf. Interview mit einem Lehrer
13:00-14:30 Meditation (Halle oder eigenes Zimmer)
14:30-15:30 GRUPPENMEDITATION (Halle)
15:30-17:00 Meditation (Halle oder eigenes Zimmer)
17:00-18:00 Teepause
18:00-19:00 GRUPPENMEDITATION (Halle)
19:00-20:15 Dhamma Talk mit S.N. Goenka (Videoaufzeichnung)
20:15-21:00 GRUPPENMEDITATION (Halle)
21:00-21:30 Ggf. Gespräch mit einem Lehrer
21:30 Nachtruhe – Licht aus

 

9. Wo finde ich weitere Informationen zur Vipassana Meditation?

Weitere Informationen rund um das Thema Vipassana Meditation und Meditation im Allgemeinem findest du auf unserer Seite Literatur Achtsamkeit
Auf Youtube findest du alle Materialien zu einem 10 Tageskurs Vipassana Meditation. Ich möchte anmerken, dass das rein intellektuelle Verständnis der Technik zwar nicht wirklich weiterhilft im Leben, das Verständnis der Technik aber dennoch Grundlage für die Praxis ist. Die Videos haben grottige Qualität, Goenka selbst ist aber brilliant und extrem witzig – besonders an den letzten Tagen habe ich mich regelrecht weggeschmissen vor Lachen (im englischen Original! Deutsche Untertitel kann man auch finden.)

 

10. Was für Leute interessieren sich für Vipassana Meditation?

Die Kursteilnehmer sind weltweit und auch in den einzelnen Kursen völlig heterogen. In meinem Fall (in Chantaburi, Thailand) nahmen ca. 90 Frauen und nur 15 Männern teil. Auch in den deutschen Kursen scheint es einen kleinen Frauenüberschuss zu geben, allerdings nicht in diesem Ausmaß. Das Alter der Vipassana Teilnehmer lag im Durchschnitt wohl bei ca. Mitte 40, unser jüngster Teilnehmer war Anfang 20. Auch die Berufe, denen die Vipassana Meditierenden nachgehen sind völlig unterschiedlich, allerdings scheint der Bildungsgrad recht hoch zu sein. Ich selbst habe hauptsächlich Mathematiker, Ingenieure, Journalisten und Ärzte vor und nach meinem Kurs in Thailand kennengelernt, abgesehen von einem Koch und einem NGO Mitarbeiter. Das Bild kann allerdings verzerrt sein, weil in Thailand nur die gebildeteren Menschen passables englisch sprechen und ich mich mit allen anderen gar nicht hätte unterhalten können. Die Vipassana Meditation ist in Puncto Religion und Weltanschauung völlig neutral, jeder kann mitmachen. In meinem Kurs waren hauptsächlich Buddhisten, Atheisten und Christen vertreten.

Meinen Vipassana Erfahrungsbericht über die auf so vielen Ebenen intensive Zeit im Vipassana Center Chantaburi findest du in meinem Post Vipassana Erfahrungsbericht: 10 Tage absolute Ruhe .

Wenn du dich für einen Kurs interessierst, schau doch einfach auf der Website von Dvara Dhamma vorbei.

 

Hast du auch schon Erfahrungen im Bereich Meditation sammeln können? Brennen dir weitere Fragen zur Vipassana Meditation unter den Nägeln? Rein damit in die Kommentare oder kontaktiere uns direkt.



'Vipassana Meditation: Wer, wie, was, warum?' have 5 comments

  1. 13/12/2014 @ 8:55 Ausz(w)eit / Inselhopping Thailand: Koh Chang, Koh Mak, Koh Kood I AUSZWEIT

    […] darf er weder sprechen, noch sonst wie mit anderen Menschen kommunizieren während seines Vipassana Meditationskurses. Auf Zeit getrennt zu sein ist kein Problem für uns, schließlich haben wir zwei Jahre eine […]

    Reply

  2. 01/05/2015 @ 5:19 360° Retreat: Bewegung, Ernährung & Entspannung

    […] für ein paar Tage das Großstadtleben gegen Bauernhofidylle tauschen und dabei Interessierten die Vipassana Meditation näher bringen. Wir hörten immer wieder wie spannend das Thema sei und grundsätzlich Interesse […]

    Reply

  3. 17/06/2015 @ 9:36 mbaierl

    Danke für diesen tollen Beitrag – er beschreibt sehr gut, was Vipassana ist und wie es abläuft.

    Ich kann zu Punkt 10 anmerken, dass ich sehr überrascht war, als in Mariazell in Österreich 70 Männer und 70 Frauen eingecheckt haben. Mit 50-60 Leuten habe ich ja gerechnet, aber 140 war dann doch eine ganz schöne Menge. Durchschnittsalter 35, mit ein paar Ausreißern nach oben und nach unten.

    Ach ja, und falls sich jemand für 10 Tage Vipassana entscheidet und praktische Tipps braucht, hier ein Link mit Tipps aus der Praxis: http://feelinghands.at/vipassana-meditation-tipps/

    lg
    Michael

    Reply

    • 27/07/2015 @ 20:57 ElenAlex

      Hi Michael,

      schön, dass dir der Beitrag gefallen hat und noch besser, dass du selbst Vipassana Meditierender bist. Alles Gute dir!

      Reply

  4. 27/07/2015 @ 9:09 Michael

    Ein sehr guter Artikel, der das Thema Vipassana gut erläutert.
    Ich bin ja seit meinem 10-Tages-Kurs zu Ostern schwer begeistert und täglich am meditieren… und ich kann’s nur empfehlen!

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